Irgendwo in den Alpen

Gleich am Anfang ist interessant zu erfahren, dass ich in Bern den hinteren Mantel meines Fahrrads wechselte, um zu verstehen, wie es zu den folgenden Ereignissen kommen konnte.

Als ich mich nun von Bern aus also losmachte fuhr ich ersteinmal ohne Probleme Richtung Thun. Ich machte mich abends von Ariel aus auf den Weg, weshalb ich nur wenige Kilometer weit kam.

Im nächtlichen Schleier sah ich die Berge immer näher kommen und suchte mir für die Nacht einen gemütlichen Schlafplatz in einem Waldstück. Die ganze Nacht lief ein Tier in meiner Nähe herum, welches geräuschvoll Nahrung verschlang, ich gehe von einem Reh aus.

Wildschweine sind um einiges lauter und stoßen zwischendurch ein tiefes Grunzen aus, das sehr markant ist. Mit einem hatte ich das Vergnügen die Nacht vor Zürich, weshalb ich diesmal sicher war nicht auf eines gestoßen zu sein.

Am nächsten Tag fuhr ich weiter, die Berge sahen zwar immer noch hoch, aber nicht mehr so bedrohlich aus und ich fasste neuen Mut. Am Thunersee angekommen machte ich eine kurze Verschnaufspause und badete in dem mittlerweile ziemlich kalten Wasser. Mir wurde klar, dass es schon Herbst ist und ich mich mit der Überquerung der Alpen langsam mal beeilen sollte.

Ich machte mich also startklar und fuhr los. Nur wenige Meter später fühlte sich das Rad auf einmal nicht mehr richtig an. Die Kette lief stockend und etwas schien zu schleifen. Bis auf eine Plattform auf einem Hügel schaffte ich es noch, dann stieg ich ab und begann mein Velo zu inspizieren. Nach ein paar Checks wurde mir klar, dass mein hinterer Reifen rausgesprungen war und den Schraubschlüssel dazu hatte ich definitiv nicht. Mein Gedanke war mir einen zu holen, wenn ich aus der kostspieligen Schweiz heraus war.

Aber das Universum entschied wohl mich jetzt dazu zu zwingen, bevor ich den ersten Pass überquerte. Ich saß nun also an einer Bushaltestelle in Thun, mit herausgesprungenem Reifen, ohne passendes Werkzeug, an einem Sonntag.

Welche Optionen hatte ich also?

1.Mein Fahrrad bis zum Wald hochschieben (eher tragen, denn das Hinterrad blockierte komplett) und mein Gepäck hinterher hochtragen.

Oder

2.Gute Vibes auszusenden und auf die Hilfsbereitschaft der Menschheit zu hoffen.

Ich probierte erst einmal einen vorbeikommenden Fahrradfahrer zu mir zu winken. Er hielt an, hatte leider kein Werkzeug dabei. Bevor ich noch weiter etwas sagen konnte schlug er auf den Reifen und mit einem lauten Knacks legte sich das Hinterrad in die Vorrichtung. Mit einem breiten Lächeln schlug er vor noch meine Bremsen zu richten, die ich vorher ausgehängt und demontiert hatte.

Dankend lehnte ich ab und setzte mich auf den Boden mit der Befürchtung, dass mein Rad nun einen etwas größeren Schaden abbekommen hatte.

Und da hörte ich eine Stimme: „Brauchen Sie Hilfe?“ Als ich mich zur Seite drehte sah ich ein Auto, in welchem ein Mann mit seiner Familie saß. Auf der Rückseite waren vier Räder befestigt und von der Rückbank grinste mich ein Mädchen an, welches am Eisessen war.

Selten war ich so dankbar wie in diesem Moment, als Werner mit dem Auto wendete und ausstieg um mein Fahrrad zu inspezieren. Er brachte das passende Werkzeug und reparierte das Rad schnell und glücklicherweise gab es keine irreperablen Schäden. Seine Kinder Raffaela und Alexander halfen wie ein eingespieltes Team und ich durfte zusehen und versprach mir bei erster Gelegenheit den passenden Schraubschlüssel zu holen.

Katja, seine Lebenspartnerin, bot mir dann an mit ihnen zu Abend zu essen, was ich dankend annahm. Wir verbrachten den ganzen Abend zusammen und teilten einige schöne Momente in ihrer Wohnung, welches über ein wunderschönes Panorame verfügt.

Am Tag danach durfte ich einen Teil meines Gepäcks zurücklassen, welches in wenigen Monaten mir voraus nach Deutschland reisen wird. Ich sortierte unter den wachsamen Augen der Kindern gut fünf Kilo Gepäck aus und machte mich bereit für die Weiterreise.

Innerhalb von zwei Tagen überquerte ich den Grimselpass.

Ich traf viele freundliche Menschen, bekam einen wunderschönen Kristall geschenkt, sah bei der Säuberung von einem Kristall zu.

Hörte zig Glocken, welche die Ziegen und Kühe um den Hals tragen. Das Geräusch wurde von Falken- und später Murmeltierschreien abgelöst, während die Landschaft immer steiler und umzugänglicher wurde. Die Temperatur fiel immer weiter ab, bis auf der Höhe von 2.200 Höhenmetern ein Unwetter über mich hereinbrach.

Die Abfahrt war sehr kalt, nass und extrem windig.

Mal sehen wann ich den Simplon überquere, es soll in den nächsten Tagen schneien und dann sollte ich über den zweiten Gipfel, den Simplonpass, drüber sein.

see you 🙂


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Ein langer Ritt

Seit dem letzten Eintrag ist viel passiert. Ich bin zum ersten Mal komplett alleine unterwegs gewesen!

Etwa 30 Kilometer vor Zürich trennten Nicolai und ich uns auf, nachdem wir morgens auf einen Aussichtspunkt in der Nähe unseres aufgeschlagenen Lagers gewandert sind. Dort standen einige Bunker und wir konnte die wunderschöne Berglandschaft betrachten. Es sah beinahe aus wie in einem Regenwald, wegen der vielen kleinen Schlingpflanzen.

Nach dem Abstieg haben wir gepackt und verabschiedeten uns von einander. Nicolai schwang sich auf sein Rad, während ich noch meine Sachen zu Ende organisierte und dann auch die Reise nach Zürich antrat.

Zürich zu erreichen gestaltete sich nicht als schwierig und nach kurzer Zeit traf ich in der Großstadt ein. Ich navigierte vor allem mit der Sonne, was eine komplett neue und interessante Methode für mich war. Die Stadt lag genau im Süden vom Übernachtungsort aus, weshalb es ziemlich einfach war – ich musste nur genau auf die Sonne zufahren 🙂

Ich wollte das besetzte Haus im Kochareal besuchen und fragte mich durch, bis ein älterer Herr mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen mir den Weg wies.

Dort angekommen traf ich auf zwei Jungs, die das Haus nicht gesquated hatten, aber dort bei einem Theaterstück geholfen hatten. Wir redeten miteinander und sie luden mich auf einer Feier im Park ‚Letten‘ ein. Wir sprachen vor allem Spanisch was für mich eine Erleichterung war, denn Schweizerisch war definitiv ein Rätsel für mich, das ich unterschätzt hatte.

Auf der Feier lernte ich drei junge Leute kennen, bei denen ich die nächsten paar Tage verbrachte. Ich hatte vor arbeiten zu gehen, es ergab sich jedoch nichts konkretes, weshalb ich nach vier Tagen voll mit Feiern, Essen und Ausflügen an Wasserfälle, den Zürisee und eine Wanderung auf der Uetliberg, meine Sachen wieder packte und mich bereit für die Weiterfahrt machte.

Abstieg vom Uetliberg

Die Zeit bei Hakim, Sofia und Rudolfo war schön, ich wurde sofort als Teil ihrer WG betrachtet und wir tauschten uns viel über Gott und die Welt aus. Jedoch genoss ich es ein bisschen zu sehr Internet zu haben und all‘ die Bequemlichkeiten, die die Zivilisation so mit sich bringt . Als ich anfing zu packen merkte ich wieder, wie sehr mir das Reisen gefehlt hatte.

Mein nächstes Ziel war Bern, wo Nicolai und ich uns wieder treffen wollten bei einem Bekannten von ihm, den er vor einigen Jahren beim Trampen gelernt hatte – Ariel.

Auf dem Weg dorthin hatte ich noch eine kurze Bekanntschaft mit einem jungen Mann, der seit 2013 unterwegs ist. Sein Name ist Antony und es hat mich extrem beeindruckt, dass er lediglich einen kleinen Rucksack mit hatte. Sonst nichts! Mir kamen mein überladenes Fahrrad und meine vielen Klamotten mehr als zu viel vor und ich nahm mir vor bei meiner nächsten Reise um mindestens die Hälfte zu reduzieren. (Wer interessiert ist mal bei ihm vorbeizusehen, das ist sein insta.

Ich fuhr 130 Kilometer von einem kleinen Wald hinter Zürich (Teufels Keller, ein Naturschutzgebiet, welches seit 1999 besteht) aus bis Bern. Insgesamt verbrachte ich an dem Tag 8 1/2 Stunden im Sattel. Nur kurz machte ich Pausen, um mein Tacho zu richten, zu essen, oder um meine Arme bis über die Armbeugen im kalten Brunnenwasser (es gibt sehr viele Brunnen in der Schweiz) zu versenken und meine Wasserflasche wieder aufzufüllen.

Als ich nun abends in Bern bei Ariel ankam war ich (wie ziemlich oft auf dieser Reise) mehr als positiv überrascht. Unser Gastgeber stellte sich als einer der offensten, herzlichsten und liebenswürdigstem Menschen, die ich je kennen lernen durfte, heraus. Bei abendlichem Musikkonzert bestehend aus Trommeln, Rasseln und Gitarre spielen unterhielt man sich – es war eine sehr schöne Atmosphäre.

Das nächste große Ziel für mich ist die Überquerung der Alpen, das habe ich neu entschieden. Mein Respekt für die Kolosse, die sich vor mir aus dem Boden erheben ist gewaltig…

Ich schicke gute Vibes an das Universum, damit es mir mein Rad auf über 2000 Höhenmter nicht zerlegt und ich es heile bis nach Italien schaffe!

Bis dann ✨


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Die Hängematte als mein neuer bester Freund

Seit knapp drei Wochen sind wir nun unterwegs auf den Fahrrädern und ich beginne immer weiter in die Welt der Reisenden einzutauchen: was es bedeutet Gastfreundschaft zu erfahren, welche Bereiche des Lebens ich noch völlig unberührt ließ und, dass ich bei weitem nicht den Luxus brauche, den ich unterbewusst für nötig gehalten habe.

Es ist unglaublich wie viele warmherzige Menschen mir auf der Reise begegnen. Ich fange an mein Menschenbild von Grund auf zu überdenken und bin im Allgemeinen sehr damit beschäftigt bewusster zu denken und zu handeln. Das hilft mir in vielen Bereichen, wie beispielsweise bei der täglichen Streckenzurücklegung. Ein Leben ohne physisch herausfordernde Challenges will ich mir nicht mehr vorstellen, da ich grade erst herausfinden was mein Körper eigentlich alles leisten kann… Und ich bin absolut begeistert. Oben auf dem Gipfel des Berges neben das Fahrrad zu sacken und anzufangen zu Schluchzen und Lachen gibt mir ein Freiheitsgefühl, das ich selten so im Leben gespürt habe. Und ich liebe es.

Mal in den Garten eingeladen werden und mit frisch gebrühtem Kaffee geweckt werden, sich mal im Dachstuhl einrichten und einige Tage lang Arbeit finden. Gemeinsam ein Haus zu renovieren und sich persönlich immer besser kennen zu lernen. Eine Wohnung für viele Tage überlassen bekommen, um Energie zu sammeln und sich zu organisieren. Essen geschenkt kriegen und all die Unterstützung am Fahrrad, wenn mal wieder ein Teil abgeflogen ist.

Mich abends in meine Hängematte zu legen gibt mir ein Gefühl von angekommen sein und langsam beginnt beim Schlafengehen eine bestimmte Routine zu greifen. Welche Utensilien wo hin kommen, damit man sie schnell griffbereit hat und wie man den Schlafsack am besten legt um schnell hineinzuschlüpfen und nicht die Hängematte ewig schwingen lässt. Alles hat seinen mehr oder weniger festen Platz, zwar ist diese Anordnung noch ständig im Wandel, aber ich habe das Gefühl als ob so langsam alles in die endgültige Ordnung rückt.

Dieses Abenteuer hat definitiv Potential und ich bin mehr als freudig gespannt auf alles was noch kommen wird. Die Entscheidung diese Reise anzutreten eine der besten meines Lebens gewesen!

-Shell 🙂


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